Seit mittlerweile 12 Jahren engagiert sich die AG Asylsuchende Sächsische Schweiz-Osterzgebirge für geflüchtete Menschen, die in unserem Landkreis leben. Die Arbeit der AG ist nach wie vor geprägt von Empathie, Augenhöhe und der Idee eines gleichberechtigten, solidarischen Miteinanders in unserer Gesellschaft, in der die Menschenrechte geachtet werden und die Menschenwürde jeder*s Einzelnen unantastbar ist. Geändert haben sich in diesen zehn Jahren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Während zu Beginn unserer ehrenamtlichen Tätigkeit, im Jahr 2008, das Thema Asyl kaum eine Rolle spielte und geflüchtete, asylsuchende Menschen in Gemeinschaftsunterkünften am Rande der Orte, zum Teil in alten Industriebrachen wie etwa Langburkersdorf, von der Mehrheitsgesellschaft kaum wahrgenommen wurde, verschärfte sich 2015 mit der Zunahme der in Deutschland ankommenden Asylsuchenden schlagartig die Situation. Menschen, die von Krieg, Folter, Hunger und Armut flohen, wurden plötzlich zum Sündenbock für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme gemacht. Nicht zuletzt für die Krise der Verwaltung und des Gemeinsamen europäischen Asylsystems, in dem man vor dem seit Jahren drohenden  Zusammenbruch des Asylsystems an den europäischen Außengrenzen die Augen verschloss und dann in Zentraleuropa unvorbereitetet und überfordert war. An Geflüchteten entluden und entladen sich Frust, Wut und Hass, und so ist der Umgang mit ihnen in gewisser Weise zum Spiegelbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Heute ist die Situation äußerlich ruhiger geworden, die Zahl asylfeindlicher Demonstationen hat deutlich abggenommen, rassistisch motivierte Gewalttaten sind zurückgegangen, nichtsdestotrotz ist jede Tat zuviel. Unverändert ist auch die Atmosphäre im Land. Alltagsrassismus und institutioneller Rassismus in Schulen, Behörden oder bei der Polizei gegenüber Migrant*innen aber auch Schwarzen Deutschen und Person of Colour, Anfeindungen oder Unverständnis gegenüber Unterstützer*innen bis hin zu Hass und Gewalt vergiften das Zusammenleben. Der immer noch nicht gelöste NSU-Komplex, die Terrorgruppe Freital Chemnitz, Halle und Hanau sind nur die letzten schrecklichen Beispiel in Deutschland für Rassismus und rechten Terror. 

Wir, die AG Asylsuchende will sich weiterhin für Menschen, die von Rassismus betroffen sind, einsetzen und sich gegen diskriminierende, ablehnende und ausschließende Strukturen und Verhaltensweisen gegen Geflüchteten stemmen.

Der AG Asylsuchende gehören an:

  • Mobiles Beratungsteam Mitte-Ost des Kulturbüro Sachsen e.V.
  • Alternatives Kultur-und Bildungszentrum e.V. (AKuBiZ e.V.)
  • Landeskirchliche Gemeinschaft Pirna
  • Freie evangelische Gemeinde Pirna Sonnenstein
  • RAA Sachsen e.V. - Beratungsstelle Dresden
  • Sächsischer Flüchtlingsrat e.V.
  • Ortsgruppen der SPD, der Bündnis90/Grünen und der LINKEN

und mehrere engagierte Einzelpersonen.

Wir stehen im engen Kontakt mit den Fachkräften für Migrationsberatung und Flüchtlingssozialarbeit der Caritas, Diakonie, AWO und ASB und sind in ein Integrationsnetzwerk der Stadt eingebunden. Darüber hinaus haben wir ein dichtes, sachsenweites Netzwerk von Beratungsstellen, Lobbyverbänden im Bereich Migration & Asyl, Bildungsinstitutionen und antirassistischen Initiativen und Vereinen. 

Unsere Geschichte

Im Frühjahr 2008 gründeten Vertreter*innen der Landeskirchlichen Gemeinschaft, von Vereinen aus Pirna und Dresden, Parteien und DGB die "Arbeitsgruppe Asylsuchende". Später kamen die Freie Evangelische Gemeinde Pirna-Sonnenstein und Sozialarbeiter*innen der Caritas hinzu. Ziel ist es seit jeher, die Lebensbedingungen der Asylsuchenden im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zu verbessern und Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft abzubauen Dabei vertreten wir die Interessen der Asylsuchenden parteiisch. Bis 2016 arbeiteten die Mitglieder der AG ausschließlich ehrenamtlich. Seit Frühjahr 2015 sind wir ein gemeinnütziger eingetragener Verein, der inzwischen auch drei Hauptamtliche in verschiedenen Projekten beschäftigt. 

Zurück zu den Anfängen: Bereits bevor sich die Initiative gründete, unterstützen Vereine und Kirchen mit Einzelaktionen geflüchtete Menschen im Landkreis. Die gemeinsame Gestaltung eines Raumes in der Gemeinschaftsunterkunft Leupoldishain anlässlich eines Tages des Flüchhtlings 2007 ließ dann die Idee reifen, die Kräfte und Kompetenzen zu bündeln und eine Arbeitsgruppe zu gründen. Die Situation asylsuchender Menschen im landkreis war von Ausgrenzung (Lage der Heime, fehlende Kontaktmöglichkeiten, keine dezentrale Unterbringung), Alltagsrassismus und sehr schlechten Lebensbedingungen (Paketversorgung ohne Selbstbestimmung, Zustand der Heime, keine Privatsphäre) gekennzeichnet.

Angesichts dieser prekären Lage waren unsere Forderungen von Beginn an klar: dezentrale Unterbringung von Familien, Frauen und psychisch kranken bzw. traumatisierten Menschen, die Auszahlung von Bargeld, die Ausgabe von Fahrscheinen, um an sozialen, kulturellen oder kirchlichen Veranstaltungen in den Städten teilnehmen zu können, und das Angebot von Flüchtlingssozialarbeit. Dabei haben wir von Beginn an unsere politische Arbeit immer mit praktischer Hilfe für die Menschen verbunden.

Sommerfeste, gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Rodeln, Reiten, Wanderungen sollten den tristen Alltag insbesondere auch für die Kinder abwechslungsreicher gestalten. Höhepunkt war das Kooperationsprojekt mit der antirassistischen Faninitiative 1953international: Gemeinsam mit geflüchteten Menschen haben wir Heimspiele von Dynamo Dresden besucht, und Kinder aus geflüchteten Familien konnten mit den Fußballern ins Stadion einlaufen oder am Dynamo-Trainingscamp teilnehmen. Dafür erhielten wir gemeinsam mit 1953international den Sächsischen Integrationspreis 2013.

Eher prakitische Hilfe leisteten wir in den vergangenen Jahren mit Patenschaften sowie zahlreichen regelmäßigen Deutschkursen in Langburkersdorf, Pirna, Heidenau und Schmiedeberg.

In der Arbeit der AG hat sich eine Mischung aus politischen Aktivitäten und konrketen Projekten mit jeweils unterschiedlichen Zielgruppen - wie z.B. Geflüchteten, Schüler*innen, Unterstützer*innen - bewährt. Wir haben uns in Diskussionen um das Integrationsproejkt des Landkreises eingemischt, über die Lebenssituation Geflüchteter in unserem Landkreis im Rahmen einer Ausstellung der UNO-Flüchtlingshilfe informiert, Podiumsdiskussionen sowie Fim- und Theaterveranstaltungen organisiert. Anlässlich des Weltflüchtlingstagfes veranstalteten wir im Juni 2010 zum Beispiel eine Diskussionsveranstaltungen unter dem Thema "Wie viel Würde braucht der Mensch ? - Zur Situation Asylsuchender in unserem Landkreis". Auch den Tag des Flüchtlings im Rahmen der Interkulturellen Woche und den Tag der Menschenrechte haben wir jährlich auf verschiedene Weise gestaltet.

Nachdem die Ag Asylsuchende 2011 am Unterbringungskonzept des Landkreises und 2014/2015 an dessen Unterbringungs- und Kommunikationskonzept mitgearbeitet hat, sind wir inzwischen anerkennater Akteur im Themenfeld Flucht und Asyl im Landkreis. Daher war es nur folgerichtig, dass wir gleichberechtigt neben Vertreter*innen der Verwaltung, den Polizeirevieren und der professionellen Flüchtlingssozialarbeit in Einwohnerversammlungen, Stadt- und Gemeinderatssitzungen und anderen Veranstaltungen wie Konventen, Gemeindeabenden etc. über ehrenamtliche Unterstützungsmöglichkeiten informieren konnten. 

In den Jahren 2014 - 2016 haben wir mit Formaten wie Pat*innenstammtisch, Austausch ehrenamtlicher Deutschlehrer*innen und Unterstützer*innenschulungen sehr auf die Stärkung und Qualifizierung des ehrenamtlichen Engagements gesetzt. Allein 2015 fanden 8 Schulungen für Unterstützer*innen als Tagesveranstaltungen in Freital, Pirna, Dippoldiswalde, Sebnitz, Stolpen, Bärenstein, Tharandt und Königstein statt. Dabei vermittelten wir Kenntnisse zu den Themen Flucht und Asyl, stellten die Situation geflüchteter Menschen und das Konzept des Landkreises vor und erarbeiteten gemeinsam mit de Teilnehmenden Handlungsmöglichkeiten für die praktische Arbeit. In einigen Orten bedeutete dies den Auftakt für die Gründung von Willkommensbündnissen, so etwa in Freital, Dippoldiswalde und Altenberg. Einzelne Bündnisse entstanden bereits, bevor die ersten geflüchteten Menschen in den Ort kamen, so dass für die Neuankommenden ein wirkliches Willkommen gestaltet werden konnte. Für die Unterstützung und Beratung der Bündnisse, z.B: zu den Themen: Strukturierung der ARbeit, Fördermöglichkeiten, Austausch von Erfahrungen, stand die AG Asylsuchende auch weiter zur Verfügung. Am 2. November 2015 wurde das Projekt der AG Asylsuchende "Flüchtlinge gemeinsam im Landkreis willkommen heißen - Aufbaiu und Begleitung von Willkommensbündnissen" im Rahmen des Wettbewerbes "Menschen und Erfolge - In ländlichen Räumen willkommen" von der damaligen Bundesministerin Barbara Hendricks mit einem Preis geehrt. 

Das Thema "unbegleitete minderjährige Geflüchtete" rückte unter anderme durch Seyed 2014 in unseren Fokus. Wir gründete eine Arbeitsgruppe für die neuen Erfordernisse dieser Gruppe Geflüchteter. Die Themen jugendgerechtes Wohnen in kultursensibler Umgebung, Spracherwerb, Bildung und Ausbildung standen auf der Agenda. Oft waren es zunächst Einzellösungen, die jedoch als Erfahrungen bei Behörden Eingang fanden.

2016 ging dann ein Traum in Erfüllung: Wir konnten in Pirna das Internationale Begegnungszentrum eröffnen.

Schon einige Monate zuvor, im Dezember 2015, hatten wir auf dem Pirnaer Sonnenstein mit einer Fahrradwerkstatt für Geflüchtete begonnen, die seit nunmehr 5 Jahren sehr erfolgreich läuft.

Unser Projekt "Kochen über den Tellerrand", das wir in Kooperation mit der Volkshochschule Pirna realisierten, gipfelte in einem sehr begehrten Kochbuch mit intenationalen Projekten und Geschichten. Im Rahmen dieses Projektes begegneten sich Menschen, die sonst wahrscheinlich nie aufeinander zugegangen wären.

Uns leitet die Idee, geflüchtete Menschen zu begleiten, zu bilden, und im Landkreis anzukommen und selbstbewusst an der Gesellschaft teilzunehmen und sie mitzugestalten, so dass die migrantische Perspektive ein Teil unserer Gesellschaft wird: 

  • Das Projekt "Integrationslotsen" leistete hier einen wichtigen Beitrag, indem es junge interessierte Geflüchtete zu Multiplikator*innen für ihre Communitires ausbildete und wichtige Kenntnisse zu Asylverfahren, Behörden, und viele weitere alltägliche Regelungen vermittelte.
  • Im Projekt "Selbstverständlich Miteinander Erleben" wurden 2018 und 2019  in Kooperation mit dem Gerede e.V. Geflüchtete sensibel an das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt herangeführt.
  • Seit Juli 2019 ist die AG Asylsuchende SOE e.V. Trägerin des Bildungsprojektes" Lebensspuren.meine.eure.unsere", in dem fluchterfahrene Jugendliche sich intensiv mit der Pirnaer Stadtgeschichte auseinandersetzen und sich in ihr einschreiben.
  • In dem Projekt "Auf Augenhöhe" wurde das Integrationslotsenprojekt weitergeführt und Geflüchtete beim Aufbau einer Selbstorganisation unterstützt. In diesem Rahmen ist die AG Asylsuchende seit Julie 2019 Teil des bundesweiten Netzwerkes We'll come United und fördert die Regionalgruppe We'll come United in Sachsen, gemeinsam mit anderen Vereinen in Sachsen, z.B. dem Bon Courage e.V. in Borna. 
  • Seit 2020 ist das IBZ unterwegs in Pirna-Sonnenstein und setzt sich für zwischenmenschliche und interkulturelle Konfliktlösungen ein. 

 

Stand: April 2020